Ken Yamamoto im Interview

Ken Yamamoto (*Paris) ist Autor, Moderator, Slammer, Spoken Word Poet und Gastgeber des Best of Poetry Slam bei uns am Heimathafen Neukölln. Der Best of Poetry Slam präsentiert regelmäßig zauberhafte Shows mit 100% Live-Literatur von einigen der besten Slam Poet*innen der Republik: kurzweilig, unterhaltsam und neuerdings immer unter einem anderen Motto. Grund genug für ein paar Fragen an Ken Yamamoto.

Der nächste Best of Poetry Slam findet am 22.11.2022 unter dem Motto # Oldschool vs. Newschool statt.

Wir lesen heute nicht mehr für Freibier die Rückseiten von Chipstüten vor, sondern arbeiten in engem Austausch daran, dass diese unfassbar vielfältige Form von Literatur wirklich Geschichte schreibt.

Wie bist du persönlich zum Poetry Slam gekommen?

Ich habe etwa mit 13 Jahren angefangen, Gedichte zu schreiben. Schreiben war in diesem Alter nicht cool und eher was für Nerds und Einzelgänger*innen. Weil das Schreiben für mich lange eine eher einzelgängerische Angelegenheit blieb, war es schön mit Mitte 20 endlich andere Leute kennenzulernen, die mit ihren wilden Texten in Bars und Clubs gegangen sind, um sie dort bei Slams vorzutragen – diese Art von Veranstaltung war vielmehr Konzert als Lesung und hat meine Perspektive auf die Poesie für immer verändert und erweitert.

Was ist der Unterschied zwischen Spoken Word und Poetry Slam?

Ein Slam ist ein Wettbewerb, bei dem alle Formen von selbstgeschriebenen Texten erlaubt sind und bei dem jede*r mitmachen darf. Spoken Word Poetry meint die Kunstform, Poesie für den Livevortrag bzw. die Performance zu verfassen, statt sie in ein Buch zu drucken. Man kann das auf die Bildende Kunst übertragen: Poetry Slam wäre ein für alle offener Malwettbewerb, Spoken Word wäre die Kunst der Malerei. In Deutschland arbeiten gerade sehr viele Menschen kollektiv daran, dass die deutschsprachige Spoken Word Poesie endlich institutionelle Anerkennung, vor allem aber eigenständige Förderungen und Preise bekommt.

Wie und wann entstand die Idee zum Best of Poetry Slam, der seit mittlerweile über zehn Jahren im Heimathafen Neukölln stattfindet?

Ich hatte das große Glück, als Gastgeber und Moderator in die Fußstapfen meiner Vorgänger Maik
Martinkowsky und Tilman Birr treten zu dürfen, die über viele Jahre im Heimathafen einen wunderbaren, monatlichen Poetry Slam veranstalteten. Das Format »Best of Poetry Slam« wurde von meinen befreundeten Hamburger Kolleg*innen vom »Kampf der Künste« etabliert – es ist wichtig, dass die etablierten und professionellen Poet*innen neben verrauchten Clubs und Bars auch größere Bühnen bekommen, auf welchen ihre Kunstform vollumfänglich gewürdigt und verbreitet wird. Das Team des Heimathafens hat mir bzw. uns von Anfang an liebevoll und mit großer Unterstützung eine solche Bühne ermöglicht.

Du schreibst seit vielen Jahren Gedichte. Wo und wann kommst du auf die Themen für deine Texte?

Ich lebe 🙂 .

Wie hat sich Poetry Slam in den letzten Jahren verändert?

Die Szene hat sich erstaunlich eigenständig professionalisiert. Leider sind somit auch viele interessante und einzigartige schräge Vögel weitestgehend aus der Szene verschwunden. Wir lesen heute nicht mehr für Freibier die Rückseiten von Chipstüten vor, sondern arbeiten in engem Austausch daran, dass diese unfassbar vielfältige Form von Literatur wirklich Geschichte schreibt.

Mit deinem neuen Format »Best of Poetry – Studio international« öffnest du die Türen für alle Poet*innen der Hauptstadt, ganz gleich in welcher Sprache sie ans Mikrofon treten. Wie funktioniert Poetry Slam in verschiedenen Sprachen?

Jede Sprache hat ihren eigenen Klang, eine eigene Rhythmik und ein eigenes Tempo. Dazu entspringt die Sprache auch einem kulturellen Kontext, der immer Eingang in die Texte findet. Es ist manchmal auch wunderschön, Texten in einer Sprache zu lauschen, die man nicht versteht. Ein bekanntes Zitat sagt: If you don’t understand the poem, feel it!

Wie würdest du die Poetry-Slam-Szene in drei Worten beschreiben?

Kreativ. Professionell. Respektvoll.

Was kann analoge Poesie, was digitale Poesie nicht kann?

Es wird immer magisch und unersetzbar bleiben, wenn Menschen sich selbst mittels Ihrer Sprache vor/mit anderen Menschen zum Ausdruck bringen. Poesie ist urmenschlich. Eine Lesung ist nicht die Videoaufnahme einer Lesung. Menschen sind in der analogen Welt mit ihrem Körper, ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihrer geschlechtlichen Identität etc. erfassbar und lesbar. Damit gehen sie auch das Risiko einer Verletzbarkeit ein. Das ist ein Geschenk und Vertrauensvorschuss an das Publikum.

Wie gehst du bei der Auswahl der Slammer*innen vor?

Reine Liebe. Und nach meinem ganz subjektiv geprägten Geschmack.

Welcher Auftritt der letzten Jahre ist dir ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Ach die Jahre hatten unendlich viele spektakuläre Momente für mich. Ich bin da wirklich gesegnet und privilegiert. Ein großer Teil der deutschsprachigen Slamszene begegnet mir sehr respekt- und liebevoll und ich bin unendlich dankbar dafür. Vor vielen vielen Jahren habe ich in einem riesigen Theaterhaus vor 1200 Menschen eine wundervolle Show gewonnen… und das hat mir emotional gar nichts gegeben. Weil es mir um Kunst geht und nicht ums gewinnen oder verlieren. Und wenn ich sage, es ist nicht wichtig, wenn ich verliere, dann ist es auch nicht wichtig, wenn ich gewinne. Sehr schön war der letzte Monat. Ich durfte im Staatstheater Karlsruhe mit wundervollen Kolleg*innen und Schauspieler*innen vor rund 900 Menschen performen, dann sind wir nach Heidelberg und haben eine zauberhafte und intime Lyriklesung vor 40 Menschen gemacht und dann durfte ich im Hamburger Schauspielhaus, das mein Lieblingstheater ist, eine packvolle Show moderieren. Wie gesagt, ich bin privilegiert und zutiefst dankbar. Jeder Auftritt ist besonders, ob nun vor 2000 oder vor 40 Menschen.

Das Motto der nächsten Poetry Show ist # Oldschool vs. Newschool. Was können wir erwarten?

Ein sehr spannendes Aufeinandertreffen verschiedener Slam Poet*innen, die in verschiedenen Phasen des Poetry Slams künstlerisch sozialisiert wurden. Als Urgestein ist Wolf Hogekamp zu Gast, der vor 25 Jahren den ersten Poetry Slam in Deutschland/Berlin veranstaltete. Als Newcomerin wird Paulina Behrendt zu Gast sein, die wohl eine der erfolgreichsten Slam Poet*innen der letzten Jahre ist. Beide trennen viele Jahrzehnte Lebenserfahrung und Schreibpraxis – beide verbindet die Liebe zur Sprache – beide haben Style ohne Ende und einen völlig verschiedenen Ansatz. Das kann nur gut werden.

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