Constanze Klar im Interview
Constanze Klar ist bildende Künstlerin. Sie untersucht, wie Menschen sich selbst und andere verstehen – in Zusammenhängen, die gar nicht so leicht zu verstehen sind. Ihre künstlerischen Arbeiten bewegen sich zwischen verschiedenen Medien und Gewissheiten. Wenn das Vertraute fremd und das Fremde vertraut wird – ist für einen Moment alles gut.
Unser Spielzeitmotto COMMITMENT für die Spielzeit 2025/2026 ist Aufforderung und Statement zugleich. Irgendwo zwischen Utopie und Dystopie wollen wir uns aus der Lähmung des Dazwischens befreien und verstehen, dass es darauf ankommt: Auf das Hier und auf das Jetzt.
Interview: Hanna Mattes. Fotos © Constanze Klar, Andréas Lang
”»Ich träume von einer Art Zuhause, für mich und für uns alle. Nicht als Ort, eher als Zustand, in dem möglichst viele Grundbedürfnisse befriedigt sind, die Menschen wieder atmen und sich aufeinander einlassen können.«
Unser Spielzeitmotto ist »Commitment«. Was bedeutet das für dich?
Ich glaube, Commitment liegt in der menschlichen Natur. Sich selbstverständlich aus freien Stücken zu binden – an Menschen, Arbeit, politische Überzeugungen, eigene Werte usw. Diese Dinge ernst zu nehmen ist cool. Sie zu ernst zu nehmen wieder uncool. Das heißt dann Overcommitment. Wenn man während der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen lässig und gut aussieht, lächelt und lustige Scherze macht, ist das cool. Wenn der Ernst der Lage ein ernstes Gesicht zur Folge hat und der Kampf um Ressourcen oder etwas anderes Existentielles zu ernsthaft verfolgt wird, ist das uncool, oder unangenehm. So wie wenn jemand auf der Straße schreit. Das will doch keiner! Dann muss man loslassen, sagen Menschen, die zum Beispiel spirituell sind oder weich fallen würden, wenn sie loslassen, die Semicommitteten. Commitment bedeutet mittlerweile für viele Menschen Überleben.
Ich war immer, aus familiärer Prägung heraus, sehr commitet mit meiner Arbeit. Wenn aber äußere Umstände das Ausüben der Arbeit immer schwerer machen hat das Auswirkungen auf das Commitment. Es wird extrem herausgefordert. Das geht an die Grenzen. Und ich spreche hier von „funktionierenden“ Körpern, einer Illusion, anhand derer ultrakapitalistische politische Entscheidungen getroffen werden. Arbeiten und nicht verzweifeln. Einen Körper mit Behinderung haben oder einfach einen Körper? Nicht richtig funktionieren? Totale Hingabe, ohne eigene Grenzen, ohne das Bedürfnis nach Pausen. Ohne sowas Banales wie Erschöpfung, dafür mit viel Kraft und unermüdlicher Hoffnung. Nur halb committet sein geht nicht, glaube ich. »In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod«. Also, ich überlege noch.
Du bist noch nicht so lange Künstlerin. Die Karriere zu ändern ist immer ein Wagnis. Ich bewundere diese Entscheidung. Was hat dich dazu gebracht und welche Rolle spielt deine erste Karriere in deiner Kunst?
Ganz klassisch: aufgrund einer Krise. Um das eigene Leben radikal zu ändern braucht es schon eine Krise, glaube ich, oder Geld. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich eine Wahl hatte. Das musste so. Ich wollte nach dem Abi schon Kunst studieren. Das war aber für ein Arbeiterkind kein gängiger Lebensentwurf. Es gab damals zu viele Barrieren, die ich aber eher unbewusst wahrgenommen habe. Mit Mitte 30 war ich dann overcommittet genug und es gab eine Kunsthochschule, die mich aufgenommen hat. In meinem ersten Arbeitsleben war ich Sozialarbeiterin und habe Menschen in psychischen Ausnahmesituationen begleitet. Damals haben mich schon Fragen nach der Verletzlichkeit des Menschen und seinem In-der-Welt-sein umgetrieben. Das ist im Großen und Ganzen auch immer noch so, jetzt eben in der künstlerischen Auseinandersetzung.
Generell gibt es viele Überschneidungen in den Berufsrollen, aber auch ein paar Gegensätze. Als Sozialarbeiterin arbeitest du darauf hin dich überflüssig zu machen. Als Künstlerin arbeitest du darauf hin sichtbarer zu werden. In beiden Berufen neigt man zur Selbstausbeutung, aufgrund hoher Ideale. Ich muss immernoch oft meine Tätigkeit als Künstlerin erklären, rechtfertigen, beweisen. Zuallererst vor mir selbst. Je weniger sich diese Berechtigung in Entlohnung wiederspiegelt, je schwerer ist das – nach außen. Das, was man gibt, ist mehr als das, was man bekommt. Das ist normal. Engagement zahlt sich aus. Entweder in Geld, Ruhm und Veränderung oder in Erschöpfung und Resignation. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wer hoffend lebt, stirbt singend (wieder Alexander Kluge).
Hast du Tipps für Künstler*innen, die am Anfang ihrer Karriere stehen?
Leider nicht. Ich stehe ja selbst noch am Anfang meiner Karriere und könnte Tipps gebrauchen. (Grinsesmiley)
Du beschäftigst dich mit sozialkritischen Themen. Welche sind das und wie kommt das in deinen Arbeiten zum Ausdruck?
Ich würde meine Arbeiten nicht in erster Linie als sozialkritisch bezeichnen. Mich interessiert eher wie sich Gesellschaft in individuellen Erfahrungen, Beziehungen und Selbstbildern zeigt. Viele meiner Arbeiten gehen von alltäglichen Merkwürdigkeiten oder biografischen Situationen aus und fragen danach, welche größeren gesellschaftlichen Fragen sich darin spiegeln. Mich interessiert, wie Menschen mit Unsicherheit, Ambivalenz und Veränderung umgehen und welche Geschichten sie über sich selbst und die Welt erzählen. Das ist konflikthaft, widersprüchlich, zuweilen tragisch, oft komisch und absurd. Das versuche ich in meinen Arbeiten erfahrbar zu machen, mit Hilfe verschiedener Medien, auch wenn ich oft auf Animationen zurückgreife.
Ich möchte Menschen zum Perspektivwechsel verführen. Ich versuche weniger Antworten zu geben als Räume zu schaffen, in denen sich die Widersprüchlichkeit von Erfahrungen zeigen kann. Es geht nicht um Bewertung, sondern um gemeinsames Aushalten. Die Schlingensiefsche Selbstprovokation ist für mich ein überzeugendes Arbeitsprinzip. Auch Humor ist für mich eine ernste Kritik- sowie Bewältigungsmöglichkeit. Bier trinken leider auch manchmal (siehe meine Pop up Kneipen).
Gibt es in deiner Arbeit theatrale Elemente?
Ein gutes Theaterstück zu sehen ist eine sehr befreiende, befriedende und euphorisierende Erfahrung. Schauspieler*innen, die richtig Spaß haben, großartige Bühnenbilder, tolle Texte. Keine Antworten, aber ein Gefühl etwas erfahren oder verstanden zu haben. Ich gehe lieber ins Theater als in Ausstellungsräume. Ich kann aber auch mit der U8 fahren und es kann Theater sein. Mich interessiert das Theatrale als Möglichkeit Situationen herzustellen, in denen etwas erfahrbar wird, wenn auch nur für einen Moment. Damit experimentiere ich in meinen Animationen, die ich auch als Knetgummittheater bezeichne, die bei mir im Studio entstehen, oder in raumgreifenden Videoinstallationen, die in Innenräumen entstehen oder in ortsbezogenen, partizipativ angelegten, temporären Installationen im Außenraum.
Ich bewege mich in meiner Praxis irgendwo zwischen dokumentarischen und inszenierten Momenten. Ich frage mich ob und wie Wirklichkeit durch Inszenierung verändert oder neu lesbar werden kann, in dem man zum Beispiel bestehende Orte oder Kontexte leicht verschiebt und dadurch neue Perspektiven eröffnet.
Was wünscht du dir für die Zukunft? Wovon träumst du?
Aktuell wünsche ich mir wieder mehr innere Freiheit meiner künstlerischen Praxis nachzugehen, meiner Arbeit, durch äußere Sicherheit. Ich finde diese Sicherheit in mir selbst nicht. Da kann ich noch so viel meditieren oder anderen selbstoptimierenden Quatsch praktizieren. Mein Arbeitsprinzip ist maximale Unsicherheit, zu meinem eigenen Leidwesen. Ich brauche die Sicherheit von außen, durch sichere Rahmen, Räume, Geld, Verbündete. Momentan erlebe ich einen großen Druck. Aufgrund schwindender Ressourcen, enger werdender Räume, provozierter Konkurrenz, politischer Gegenwart. Ich kann mich davon schwer abgrenzen. Kunst zu produzieren, am besten auch noch solche, die sich monetarisieren lässt, um zu überleben während man mit Überleben beschäftigt ist, ist eigentlich nicht möglich. Ich beobachte das auch in meinem Umfeld. Viele meiner Künstler*innenfreunde sind erschöpft, committet, aber erschöpft.
Ich träume von einer Art Zuhause, für mich und für uns alle. Nicht als Ort, eher als Zustand, in dem möglichst viele Grundbedürfnisse befriedigt sind, die Menschen wieder atmen und sich aufeinander einlassen können. Nicht aus Not, sondern aus dem Gegenteil davon. Ich träume davon, dass die CDU abgewählt wird, von einer Welt, die den Menschen wieder zum Mittelpunkt macht (und die Natur), nicht das Kapital. Ich wünsche mir eine Katze und einen Hund. Und dass ich weiter Kunst machen darf und kann.