MARIE SCHWESINGER

Seit 2020 recherchiert die Künstlerin zu Rechtsextremismus und begleitete u. a. den „NSU 2.0“-Prozess. Aus Prozessmitschriften, Interviews und Zeug*innenaussagen entstand das dokumentarische Theaterstück „Innere Sicherheit“, das den Betroffenen eine Stimme gibt. Das Stück versteht sich als Begegnungsraum, um verdrängte Details sichtbar zu machen und offene Fragen weiter zu stellen. Interview: Lucia Jay Van Seldeneck

Liebe Marie, wie kamst du darauf, das Thema „NSU 2.0“ als Theaterstück zu inszenieren?

Seit 2020 forsche ich künstlerisch zum Thema Rechtsextremismus und begleite als Beobachterin Strafprozesse gegen rechtsextreme Angeklagte. Ursprünglich aus einem rein zivilgesellschaftlichen Interesse: Wie funktioniert so ein Prozess, wie geht der Rechtsstaat damit um, wenn er von rechts angegriffen wird? Gemeinsam mit zwei Kolleginnen habe ich in Frankfurt zwei Strafprozess verfolgt, u.a. um den Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke, daraus entstand das Projekt „Werwolfkommandos“. Als wir in den Vorbereitungen dazu erfuhren, dass parallel der Prozess gegen den Verfasser der Drohmailserie „NSU 2.0“ in Frankfurt eröffnet wurde, entschieden wir, auch diesen Prozess zu verfolgen und zu protokollieren. Im Rahmen einer vorherigen Recherche hatte ich die Möglichkeit, die Anwältin Seda Basay-Yildiz kennen zu lernen, die gemeinsam mit ihrer Familie über Jahre vom „NSU 2.0“ bedroht wurde. Also entstand die Idee, ein Stück zu entwerfen, das den Perspektiven der Betroffenen der Drohmailserie einen künstlerischen Raum gibt. Und wir wollten verstehen, warum politisch (fast) keine Konsequenzen aus der Drohmailserie gezogen wurden, obwohl die Beteiligung von Polizist*innen bis heute nicht ausgeschlossen werden konnte. Die Konzeption des Stückes erfolgte dann in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Jenny Flügge und der Bühnen- und Kostümbildnerin Thea Hoffmann-Axthelm.

Was bedeutet für dich dokumentarisches Theater und was ist das besondere daran?

Dokumentarisches Theater bedeutet für mich, mit künstlerischen Mitteln auf wahre Begebenheiten zu schauen. In meinen Texten arbeite ich zum überwiegenden Teil mit Zitaten: aus Prozessmitschriften, Interviews und Presseberichterstattung. Doch ich entscheide über die Anordnung der Zitate und Texte, die Wiederholungen, den Rhythmus, die Pausen. Worauf wird die Aufmerksamkeit gelenkt, wo entstehen Lücken, welches Anliegen haben die Betroffenen, welche Selbstinszenierungsstrategien haben die Prozessbeteiligten? Dokumentarisches Theater bedeutet für mich eine enorme Verantwortung im Umgang mit den vorhandenen Materialien. Denn die Geschichten sind nicht fiktiv, die Bedrohungslage ist für viele der Betroffenen weiterhin real und die Polizeiwache, die möglicherweise in die Bedrohung von Betroffenen verwickelt war, liegt keine 2 km von meiner Wohnung entfernt.

Wie seid ihr bei der Zusammenarbeit mit den Betroffenen vorgegangen?

Im Zentrum der Recherche, die im Stücktext von „Innere Sicherheit“ mündete, stehen zwei lange Interviews, die ich mit der Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz und der Politikerin Janine Wissler 2023 führen durfte. Darüber hinaus hatte ich die Möglichkeit, beinahe alle Zeug*innenaussagen von Betroffenen im Gerichtsprozess zu hören und zu protokollieren. Auch diese Aussagen waren eine wichtige Grundlage. Sowohl im Schreibprozess, als auch später während der Proben, sind wir immer wieder in Kontakt getreten mit der Anwältin Seda Basay-Yildiz, besonders wenn es um sensible Informationen oder um die Frage ging, wie wir mit der rassistischen und menschenfeindlichen Sprache der Drohschreiben umgehen können. Wir haben versucht, mit allen Betroffenen, die wir zitieren oder deren Geschichten wir aufgreifen, im Vorfeld der Premiere in Kontakt zu treten und haben als Sicherungsmaßnahme ihre Geschichten anonymisiert. Wir sind sehr froh, dass zu den Vorstellungen Betroffene, Prozessbeteiligte und auch kritische Polizist*innen gekommen sind, um im Anschluss gemeinsam zu diskutieren.

Was kann das Theater als Ort, wenn es um so aktuelle politische Themen geht?

Das Theater kann Begegnungsort sein. Es kann provozieren und re-enacten, es kann zuspitzen und die Aufmerksamkeit auf scheinbar unwichtige Details lenken. Es kann Experimentierraum sein und vor allem: Der Theaterraum kann die Hierarchien auflösen, die beispielsweise im Gerichtssaal gelten. Und somit Theaterschaffenden, Zuschauenden, Betroffenen, Beteiligten die Möglichkeit geben, in Kontakt und ins Sprechen zu kommen.

Ist das Thema „NSU 2.0“ mit der Verkündung der Urteile abgeschlossen?

Nein. Im November 2022 wurde der Berliner Alexander M. für schuldig befunden, mind. 116 rassistische und menschenfeindliche Drohschreiben verfasst und versandt zu haben. In diesen Drohschreiben hat er sensible und zum Teil gesperrte persönliche Daten der Betroffenen verwendet: ihre Adressen, Geburtsdaten, die Adresse der Kita des Kindes, etc. Bis heute ist nicht aufgeklärt, wie der mittlerweile verurteilte Alexander M. an diese persönlichen Daten gekommen ist. Viele der Drohschreiben stehen in Zusammenhang mit Datenabfragen an Polizeicomputern: in Frankfurt, Wiesbaden, Hamburg, Berlin. Außerdem sind eine Vielzahl von rechtsextremen Chatgruppen unter den betroffenen Polizist*innen aufgeflogen. Doch wirkliche Konsequenzen hatte das bisher nicht. Daher ist es wichtig, weiterhin genau hinzuschauen.

Noch ein kleiner Hinweis: Wer schon vorab mehr über den Gerichtsprozess rund um die rechtsextreme Drohmailserie „NSU 2.0“ und weitere Prozesse gegen rechtsextreme Angeklagte erfahren möchte, kann sich gerne den Podcast „Rechtsextreme vor Gericht“ anhören, den ich für Deutschlandfunk Kultur entworfen habe.

Podcast in der ARD Audiothek