Jan Viethen im Interview

Jan Viethen studierte Schauspiel an der Folkwanghochschule Essen. Als Schauspieler und Tänzer war er u.a. am Theater Basel, in den Sophiensælen, am HAU, Nationaltheater Mannheim, DNT Weimar, Theater Bonn, ACUD Theater, in den Uferstudios, der Ruhrtriennale und dem Schauspielhaus Düsseldorf zu sehen. Seit 2016 behandelt er in eigenen Projekten vor allem die Themen Traumata und deren Weitergabe durch familiäre Strukturen. Seine Arbeiten verbinden sprachbasiertes Theater mit Elementen aus Tanz und Physical Acting. Am 25. August 2022 feiert er als Teil des Kollektivs dogs_against_depression die Premiere ihres Stücks »HORROR! Irgendwas ist da.« im Studio des Heimathafen Neukölln.

Das Stück arbeitet genauso mit sinnfreiem Humor wie mit kulturtheoretischen Gedanken und choreographischen Elementen. Im besten Fall durchdringen die verschiedenen Elemente einander und es entsteht etwas Neues.

Wie habt ihr euch als Kollektiv gefunden und warum der Name dogs_against_depression?

Julius Gilbert und ich kennen uns schon lange Jahre und gehen jetzt endlich gemeinsame Projektideen an. Und wir sind sehr happy, dass so großartige Künstler*innen wie Laura Leora Witzleben, Arturo Lugo und Nicolas Bonadio Teil der Gruppe sind und ihre sehr eigenen Perspektiven und Sprachen einbringen.
cats_against_depression war schon vergeben, außerdem sind wir als Gruppe eher so der Hundetyp.

Was macht eure Arbeit als Kollektiv besonders?

Ich kann nur über dieses Stück sprechen, das unsere erste gemeinsame Arbeit ist. Das Wesentliche ist, dass wir versuchen, verschiedenen Ansätzen und Ästhetiken Raum zu geben. Das Stück arbeitet genauso mit sinnfreiem Humor wie mit kulturtheoretischen Gedanken und choreographischen Elementen. Im besten Fall durchdringen die verschiedenen Elemente einander und es entsteht etwas Neues.

HORROR! ist eure erste gemeinsame Arbeit. Was ist dabei am spannendsten?

Arbeiten in Zeiten von COVID.

Was können wir von HORROR! erwarten?

Eine Berlin Ghost Story. Eine Art postmodernes Neuköllner Märchen für drei Performer*innen und drei Laken. Ach so und wir bieten eine wissenschaftliche Einordnung, erlösen die Zuschauer*innen von ihren Ängsten, befreien die Welt vom Kapitalismus und versöhnen uns mit Mutter Natur. Mit Katharsis, Dance, Pilzen für alle und Feuerwerk. An Silvester. Im August. Das ganze findet natürlich auf ästhetisch höchstem Niveau statt.

Welche Fragestellung liegt eurem Stück zugrunde?

Der Kulturtheorethiker Mark Fisher hat gesagt, die Zukunft wird langsam gecancelt. Es gibt keine Utopien mehr. Inzwischen ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Diese Perspektivlosigkeit macht uns zu unseren eigenen Gespenstern. Da ist so viel Wahres dran, das wir dem etwas entgegensetzen wollten. Eine Art verzweifelten Gegenentwurf, der hoffentlich auch noch Spaß macht.

Warum Gespenster? Was können Gespenster, was wir nicht können?

Gespenster sind schrecklich cute und herrlich lächerlich in ihrer betuchten Art. Aber sie können so einiges. Als outgesourcte Angstprojektionen geben sie Hinweise auf ungelöste Konflikte und Traumata. Sie funktionieren als Metaphern für die Entfremdung von uns selbst. Damit passen sie erschreckend gut zu unserem derzeitigen Lebensgefühl. Gespenster sind Care Figuren der Psyche. In ihnen begegnen wir letztlich uns selbst. Ein Gespenst will letztlich immer befreit werden. Gelingt dies, befreit man damit auch sich selbst von den eigenen Ängsten.

HORROR! ist eine Stückentwicklung, was heißt das konkret? Wie ist eure Herangehensweise?

Der Untertitel »Irgendwas ist da.« war auch für unseren Prozess programmatisch. Wir sind ziemlich von Null gestartet. Drei Gespenster auf der Bühne. Punkt. Alle waren sofort angefixt und die Ideen sprühten, aber die Ideen waren sehr unterschiedlich. Also haben wir versucht zu ergründen, worin die gemeinsame Faszination liegt. Recherche, Improvisation, lange Nächte. Irgendwann hat sich so etwas wie ein zeitgenössisches Märchen herauskristallisiert.

Welche Rolle spielt der Körper in euer Arbeit?

Der Körper ist unser wichtigstes Instrument. Bewegung, Denken, Tanzen, Atmen, Sprechen – alles Körper. Wir haben alle mehr oder weniger viel mit Tanz gearbeitet, vielleicht ist er bei uns deshalb stärker im Bewusstsein.

Was würdest du dem Publikum gedanklich mitgeben, bevor sie in das Stück gehen?

Nix. Vorbildung ist nicht nötig.

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