Iris Ratei im Interview

Sie ist eine der beiden Geschäftsführerinnen am Heimathafen Neukölln. Iris Ratei im Gespräch mit uns.

Der Heimathafen Neukölln sieht sich als Hafen, zu dem die Menschen kommen. Als Ort der Begegnungen. Wir werden ein digitales Standbein erarbeiten, dies befindet sich aber noch in den Kinderschuhen. Wir arbeiten an Konzepten, die dann hoffentlich langfristig unser Programm bereichern.

Iris, wie sehr fehlt dir das Theater?

Es fehlt mir natürlich sehr! Sehr! Sehr! Nicht nur, dass ich im Heimathafen alleine in meinem Büro sitzend, mit der Leere und der Unbelebtheit konfrontiert bin, sondern auch meine Abende, die normalerweise mit Theater, Lesung, Musik und Mit(singen) erfüllt sind, sind jetzt öd und leer.

Im November musste unser Haus – wie alle anderen Theater auch – schließen. Aktuell sehen die Zahlen gut aus und einer Wiederöffnung des Saals September sollte nichts mehr im Weg stehen. Wie optimistisch bist du derzeit? Können die vielen ausgefallenen Vorstellungen später in den Spielplan integriert werden? Gibt es da überhaupt einen Platz dafür?

Heute bin ich total optimistisch! Wir schaffen alles! Jetzt wird erst einmal die Außenbühne bespielt. Und im September geht es auf jeden Fall wieder im Saal los. Wir werden so gut es geht alle x-mal verschobenen Veranstaltungen und noch viel mehr in unserem Spielplan unterbringen.

Was ist für die Zeit bis zur Wiedereröffnung geplant?

Zur Zeit versuchen wir uns für die beiden Optionen Streaming und Außenspielstätte auszustatten um ein wenig flexibler zu sein. Wir hoffen, dass wir bei wärmeren Wetter in unserem kleinen Innenhof Veranstaltungen durchführen können. Die Hofbühne wurde fertig gestellt. Ein Podcast ist erschienen. Jede Menge Instandhaltungsmaßnahmen vorgenommen. Die ersten Livestreams haben stattgefunden. Streaming ist für uns noch ein großes Abenteuer, aber alle haben große Lust darauf.

Wer ist denn derzeit im noch verschlossenen Heimathafen noch anzutreffen?

Jetzt, wo es langsam wieder los geht, die Öffnungsmöglichkeiten in greifbare Nähe rücken, kommt wieder Leben in die Bude! Herrlich. Viele von uns sind schon geimpft. Wir testen fast täglich. So, dass wir, je nach Arbeitskontext (mit Maske) auch in größeren Gruppen zusammen kommen. Wir alle genießen das neue Stückchen Normalität!

Wie können wir uns derzeit deine Arbeit am Heimathafen Neukölln vorstellen?

Meine Arbeit besteht im Moment mit den Aufgaben, die in einer Verwaltung anfallen, ob Betrieb ist, oder nicht. Die Löhne müssen berechnet und ausgezahlt werden, Anträge und Abrechnungen müssen erledigt werden, für die Förderung des Senats müssen Dateneingaben gemacht werden. Rechnungen müssen überprüft, bezahlt und geschrieben werden. Viel Papierkram, nichts was Spaß macht. Aber alleine der Anblick unseres wunderschönen Saales, der so langsam aus dem Dornröschenschlaf erwacht, in dem es wieder wuselt, entschädigt dafür.

Wie gut sind wir durch die Einnahmeausfälle der Pandemie gekommen? Wie gefährdet ist die Existenz des Hauses, und wie wirkt sich der lange Shut-Down auf geplante Projekte aus?

Wir haben den Shut-Down finanziell gut hingekriegt. Die Hilfen sind angekommen. Für uns ist jetzt wichtig, wieder „unser eigenes Geld“ zu verdienen und nicht komplett von Hilfen abhängig zu sein. Dafür sind wir mit unserem Konzept angetreten. Bei den geplanten Projekten muss man jetzt erst einmal die Leute zusammen trommeln, die sich in alle Winde verstreut haben. Wir haben kein Ensemble am Haus.

Wie würdest du die Situation der Künstler*innen, der freien Techniker*innen und anderen Freiberufler*innen beschreiben, die zum Betrieb des Heimathafen Neukölln dazugehören? Wie ist die Stimmung am Haus angesichts der unklaren Zukunft?

Nach der langen Zeit der großen Doppelbelastung (Zu viel Zeit, zu wenig Geld) ist auch da Aufbruchstimmung zu spüren. Die große Angst, dass sich viele Techniker umorientiert haben, und nicht mehr zurück kommen, steht jedoch im Raum.

Ulrich Khon (Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Bühnenvereins) sagte in einem Interview mit der Berliner Zeitung, Folge des Lockdowns werde ein »kultureller Kahlschlag ohne Beispiel«. Wie wird dieser Kahlschlag aussehen, bzw. bist du ähnlich in Sorge?

Der Kahlschlag wird nicht an den geförderten Theatern stattfinden, sondern in der freien Szene, in der Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Tänzer*innen, Bühnenbilder*innen, Techniker*innen und der ganze Rattenschwanz, der sich in einem Theaterprojekt versammelt, und so von Projekt zu Projekt springt und sowieso schon Mühe hat, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, nun vor dem Nichts sitzt. Das wird sich jetzt in den nächsten Monaten zeigen, wer zurückkommt, wer nicht.

In dieser jetzt einjährigen Ausnahmesituation haben sich auch die sozialen Mechanismen geändert, unser Umgang miteinander. Wir haben uns daran gewöhnt, auf Distanz zu gehen. Müssen wir das soziale Miteinander erst wieder neu lernen? Wie wird sich das aufs Theater und unser Angebot auswirken?

Es ist unsere größte Angst, unsere größte Hoffnung und unser größter Antrieb. Die Angst, dass die Menschen aus Vorsicht nicht mehr ins Theater gehen, die Hoffnung, dass der Wunsch nach Kultur, Unterhaltung, Inspiration überwiegt, unser Antrieb, trotz der zermürbenden Situation, im richtigen Augenblick vorbereitet zu sein, wie Phönix aus der Asche zu steigen, und unserem geliebten Publikum dies alles zu geben.

Ein Theater ist per se ja ein Medium des sozialen Austauschs, des Miteinander und des gesellschaftlichen Diskurses. Was können wir dahingehend hinsichtlich kommender Inszenierungen am Heimathafen Neukölln erwarten?

Das Programm im Heimathafen Neukölln hat sich von jeher auf ein breites Angebot zwischen Vergnügen und Unterhaltung und gesellschaftlichen und politisch relevanten Themen verständigt. Daran wird sich nichts ändern.

Digital war das große Zauberwort der vergangenen Monate. Wird der Heimathafen Neukölln zukünftig auch stärker auf digitale Kulturangebote setzen, nicht nur, um so die Schließungsphase zu überbrücken? Spielen diese Angebote dann auch zukünftig eine Rolle in Form hybrider Konzepte?

Der Heimathafen Neukölln sieht sich als Hafen, zu dem die Menschen kommen. Als Ort der Begegnungen. Wir werden ein digitales Standbein erarbeiten, dies befindet sich aber noch in den Kinderschuhen. Wir arbeiten an Konzepten, die dann hoffentlich langfristig unser Programm bereichern.

Hast du einen persönlichen Lieblingsort in Neukölln, den du gerne mit uns teilen möchtest?

Geheimtipp: Gegenüber des Heimathafen Neukölln liegt der beste Nüsse- und Trockenfrüchte-Laden der Stadt. Immer einen Einkauf wert. Oder nur rein gehen gucken und riechen. Natürlich bin ich auch ein Fan der Neuköllner Oper und ich liebe die Dörflichkeit in dem ach so verrufenen Neukölln.

Dein Tipp zur Überbrückung bis zum Start im September?

Spazieren gehen (am besten mit Hund)! Und zwar nicht fünf Minuten sondern fünf Stunden. Der Kopf wird frei, die Gedanken ordnen sich, der Körper macht mit. Wir freuen uns, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Wir setzen uns in den Park, oder ins Freiluftkino und natürlich in unseren Hinterhof und genießen die Zeit. Und wenn es wieder kälter wird, dann sehen wir weiter.

Wir danke für das Gespräch!

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