Hannah Sehl im Interview

Hannah Sehl bewegt sich zwischen Bildender Kunst, Lyrik und Lehre. In ihrer*seiner interdisziplinären Praxis verbindet Hannah sprachliche, malerische und performative Momente an den Schnittstellen von Kunst, Literatur und Bühne.

Unser Spielzeitmotto COMMITMENT für die Spielzeit 2025/2026 ist Aufforderung und Statement zugleich. Irgendwo zwischen Utopie und Dystopie wollen wir uns aus der Lähmung des Dazwischens befreien und verstehen, dass es darauf ankommt: Auf das Hier und auf das Jetzt.

Interview: Hanna Mattes. Foto Hannah Sehl © Lee Everett Thieler, Ausstellungsbilder © Karin Salathé

Commitment bedeutet für mich Verbindlichkeit, sich zuzuwenden, Widersprüche auszuhalten, wiederständig zu sein.

Unser Spielzeitmotto ist »Commitment«. Was bedeutet commitment für dich und wie wird es in deinen Arbeiten sichtbar?

Commitment bedeutet für mich Verbindlichkeit, sich zuzuwenden, Widersprüche auszuhalten, wiederständig zu sein. Ich frage mich oft, welche Formen des Commitments jenseits institutioneller oder rechtlicher Bindungen möglich sind – Formen, die nicht auf Kontrolle beruhen, sondern auf Aufmerksamkeit, Verletzlichkeit und einem Dranbleiben, auch wenn es unbequem wird.

Mich beschäftigt, wie Gemeinschaft entsteht, wenn sie nicht über ökonomische Verträge oder familiäre Normen abgesichert ist. Care-Arbeit und künstlerische Arbeit geraten häufig in Konkurrenz zueinander, weil beide Tätigkeiten zeitintensiv, emotional anspruchsvoll und oft gering oder gar nicht entlohnt werden. Wer sorgt, hat weniger Zeit zum Produzieren; wer produziert, hat weniger Raum zum Sorgen. Mich interessiert die Frage nach dem Umgang mit diesem Konflikt und ich suche nach künstlerischen Strategien, die diese Fragen aufgreifen: Formen der Kollaboration, die nicht linear oder eindeutig sind; Prozesse, die Widersprüche nicht glätten, sondern aushalten. Commitment begreife ich dabei weniger als einen Endzustand, sondern als Prozess.

Du arbeitest multimedial, hauptsächlich mit Text und Bild. Das nimmt ganz verschiedene Formen an. Kannst du ein bisschen erzählen, wie deine Herangehensweise ist, wenn du eine neue Arbeit konzipierst? Was kommt erst: Text oder Bild? Oder ist das immer anders?

Es ist immer anders. Ich war sehr lange an dem Format des Essays interessiert, wo eigentlich alles eine Materialquelle sein kann; Kunst, Popkultur, etwas Gesagtes, eigene Erfahrungen. Mich interessiert vor allem die Beziehung zwischen Bild und Text, wie z.B. bestimmte Phrasen oder Wörter, die durch ihre ständige Wiederholung zu Bildern werden.

Oft spannt sich ein Themenkomplex über mehrere Jahre und ist eng miteinander verwoben. Ich arbeite oft mit Sätzen oder Bildern, die ich gelesen, gehört oder gesehen habe, und diese verfolgen mich dann wie ein Echo. Teile aus »The Chronology of Water« von Lidia Yuknavitch waren zum Beispiel so ein Moment oder ein Interview zwischen den Lyrikerinnen Sophie Robinson und Ariana Reines. Ich brauche zum Denken oft ein Gegenüber auf das ich reagieren kann und das sind meistens die Arbeiten anderer Schreibenden oder Künstler*innen. Teilweise baue ich daraus neue Texte, teilweise reagiere ich auf deren Texte mit eigenen Arbeiten. Diese Referenzen sind auch immer Teil der Arbeit selbst, entweder als Titel, als Fußnoten oder im Bild.

Du arbeitest oft mit anderen Künslter*innen zusammen. Welchen Stellenwert hat Kollaboration in deiner künstlerischen Praxis. Was macht die Zusammenarbeit spannend und wie unterscheidet sie sich von dem Arbeiten alleine?

Kathy Acker schrieb in ihrem Text »Writing, Identity, and Copyright in the Net Age« darüber, dass sie in ihrer Arbeit immer auf etwas vorher gesagtes oder geschriebenes reagiert. Sie nennt es reactive principle. Sie hat das teilweise ganz explizit gemacht und zum Beispiel einen kompletten Roman neu geschrieben. Mich interessiert dieser Gedanke der Kollaboration sehr, der über Zeiten oder auch Sprachen hinweg existieren kann, durch gemeinsame Gedanken, Gefühle, Erfahrungen. So etwas wie ein transgenerationales Gespräch. Mich interessieren Kollaborationen die weniger auf einem gemeinsamen Vorhaben basieren, aber auf einer gemeinsamen Handlung, die vielleicht auch schon passiert ist.

Außerdem interessieren mich Formen der Kollaboration in der sich das Individuum in der Gruppe auflöst, wie z.B. in meiner Text-Kollaboration mit der Autorin Franziska Gänsler, in der wir unsere eigenen Stimmen in einen mehrstimmigen Chor eingewoben haben. Oder der Roman Renna Spaulings der Bernadette Corporation, in der eine größere Gruppe an Menschen eine Figur erzählt (Reena) und dadurch eine Geschichte entsteht, die wenig koherent ist, aber vielleicht genau deshalb realer? Mich interessieren diese Versuche, auch um einer sehr individualisierten Kunstwelt und dem persistierenden Bild des Künstlergenies etwas entgegenzuhalten.

Du bist interessiert an »Mutterschaft als politisches Bild, als Projektionsfläche bürgerlicher Ordnung, als kulturelle Figur der Reproduktion, Kontrolle und Zugehörigkeit.« Kannst du mehr darüber erzählen?

Mich interessiert ein Bild von Mutterschaft, das eigentlich ein überholtes ist. Eines das sorgt, das eins ist mit dem Kind. Dieses Bild ist veraltet, aber es persistiert – in meiner Umgebung und in mir. Mich hat es überrascht, wie sehr mein Mutter werden meine Vorstellung von mir selbst zerworfen hat. Wie sehr ich von der Idee von Wahlfamilie desillusioniert wurde. Wie sehr die Familie und das Land und seine Geschichte aus der bzw. dem ich komme diese Erfahrung durchdringt. Vor der Geburt meines Kindes habe ich mich der englischen Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, sehr viel näher gefühlt, auch im Schreiben. Seit der Geburt habe ich ein neues Interesse an der deutschen Sprache entwickelt, meiner eigentlichen Muttersprache – woher kommt das?

Vor einigen Jahren hing ich lange an dem Satz »Zurück in die Wohnstube« aus Helma Sanders-Brahs‘ Deutschland, bleiche Mutter. Dort steht die Wohnstube für die Rückkehr in eine Art patriarchaler Ordnung, die während des Krieges vorübergehend (für die Protagonistin) außer Kraft gesetzt war. Die Gewalt, die der Film erzählt, liegt nicht im Ausnahmezustand des Krieges, sondern in dem, was danach kam: die Wiederherstellung der Wohnstube, das Schweigen, die Inszenierung eines ‚Davor‘.

Die Mutter steht für mich im Kern nationalistischer Vorstellungen. Gerade jetzt, im Moment des Wiedererstarkens nationalistischer Bewegungen, taucht das Bild der liebenden, aufopfernden ‚Tradwife‘ massenhaft in den sozialen Medien auf. Aber wer, wo und wie viele Kinder haben darf, ist und war nie von rassistischen, klassistischen und ableistischen Strukturen getrennt. Die Erzählung von Mutterschaft als Natur ist politisch – und sie ist gefährlich. Es liegt etwas Gewaltsames genau darin, dass diese Ideologie sich als Natürlichkeit verkleidet. Für mich hat sich nichts am Mutter werden ’natürlich‘ angefühlt. Und doch gibt es eine gewisse Trauer darüber.

Hast du schon mal ein Theaterstück geschrieben? Oder darüber nachgedacht? Was interessiert dich am Theaterraum? Und was interessiert dich an der Zusammenarbeit mit dem Heimathafen Neukölln?

Ein klassisches Theaterstück habe ich bisher nicht geschrieben, und auch das traditionelle Spielen auf einer Bühne fühlt sich mir eher fremd an. Dennoch arbeite ich aktuell an einem größeren Schreib Projekt, das sich auf Hedda aus dem Stück Hedda Gabler bezieht – nicht als direkte Adaption, sondern als Versuch, diese Figur über Generationen hinweg weiterzuerzählen und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen sichtbar zu machen.

Mich interessieren grundsätzlich die Mechanismen des Erzählens: Wie Geschichten gebaut werden, wie Bilder entstehen und wie Raum Bedeutungen formt. Vielleicht deshalb wächst in mir zunehmend der Wunsch, meine Arbeit auf die Bühne zu bringen. Da ich sowohl mit Bild als auch mit Text arbeite und Raum für mich ein eigenständiges Medium ist, erscheint mir der Theaterraum als ein spannender nächster Schritt. Gleichzeitig arbeite ich sehr fragmentarisch und fern von linearen Erzählstrukturen; ich müsste eine eigene Form finden, um diesen Raum für mich zu öffnen und mich darin zu bewegen.

Auf die Zusammenarbeit mit den anderen Künstler*innen der Spielzeit und mit dem Heimathafen freue ich mich besonders. Mich interessiert, was passiert, wenn unterschiedliche Arbeitsweisen, Energien und Fragmente im Bühnenraum aufeinandertreffen – welche unerwarteten Verbindungen entstehen und welche neuen Erzählweisen sich daraus entwickeln können.

Was wünschst du dir für die Zukunft? Wovon träumst du?

Schwierige Frage! Ich träume sehr viel, von allem Möglichen. Im Moment träume ich vor allem von mehr Ruhe und mehr Geld (upsi). Weniger Druck im Alltag funktionieren zu müssen. Davon meinen Text fertig zu schreiben, mit einem Anfang und einem Ende, ihn zu veröffentlichen. Im Austausch zu sein, einem Ort mit Garten. Manchmal träume ich davon an einem Ort neu anzufangen, um zu schauen was bleibt. Davon gesund zu bleiben (oder zu werden) und dass es meinem Kind gut geht. Eine gute Lehrperson zu sein. Davon, dass sich das nicht mit meiner künstlerischen Praxis widerspricht. Davon, dass meinen Händen nichts passiert. Dass es meinen Freund*innen, meiner Familie gut geht. Davon immer weiter zu machen.