Edna Al-Najar im Interview

Edna Al-Najar ist eine multidisziplinäre Künstlerin, ihre Arbeit zeichnet sich durch eine experimentelle Auseinandersetzung mit Materialien und gesellschaftlichen Themen aus. Sie erforscht in ihren Werken unterschiedliche Formen und Dimensionen von Nachbarschaft, Fürsorge (Care) und Identität.

Unser Spielzeitmotto COMMITMENT für die Spielzeit 2025/2026 ist Aufforderung und Statement zugleich. Irgendwo zwischen Utopie und Dystopie wollen wir uns aus der Lähmung des Dazwischens befreien und verstehen, dass es darauf ankommt: Auf das Hier und auf das Jetzt.

Interview: Hanna Mattes. Foto Edna Al-Najar © Katharina Steinbrecher

Kunst wird zum Mittel, um Erinnerung, Vision und Stimme miteinander zu verbinden.

Unser Spielzeitmotto ist »Commitment«. Was bedeutet das für dich?

Für mich bedeutet Commitment Verantwortung – gegenüber der eigenen Geschichte, gegenüber anderen Menschen und gegenüber gesellschaftlichen Realitäten, die oft übersehen oder verdrängt werden. In meiner Arbeit versuche ich, mich nicht von schwierigen Themen abzuwenden, sondern mich ihnen bewusst auszusetzen. Viele meiner Arbeiten entstehen aus persönlichen Geschichten, aus Erinnerungen meiner Familie oder aus Begegnungen mit anderen Menschen der Diaspora. Commitment bedeutet für mich daher auch, diesen Geschichten Raum zu geben und sie ernst zu nehmen – besonders dann, wenn sie von Flucht, Trauma, Diskriminierung oder Verlust erzählen. Gleichzeitig bedeutet es, trotz dieser Schwere auch Hoffnung zu bewahren. Meine Arbeiten zeigen nicht nur Missstände, sondern eröffnen auch Möglichkeiten von Empathie, Vorstellungskraft und Zukunft.

Welchen Stellenwert hat deine Herkunft für dich und wie wird dies in deinen Arbeiten sichtbar?

Meine Herkunft ist ein zentraler Ausgangspunkt meiner künstlerischen Arbeit. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber die Geschichten meiner Familie – aus Bosnien und dem Irak – sind immer Teil meines Lebens gewesen. Beide meiner Eltern haben ihre Heimat aufgrund von Krieg verlassen müssen oder konnten später nicht mehr dorthin zurückkehren. Diese Erfahrungen von Flucht, Verlust und Neubeginn prägen meine Wahrnehmung der Welt bis heute. Als Kind der Diaspora trage ich viele dieser Geschichten weiter, auch wenn ich sie nicht selbst erlebt habe. Dieses transgenerationale Echo von Trauma, Erinnerung und Hoffnung interessiert mich sehr.

In meiner Arbeit wird das oft durch Familienfotografien sichtbar. Alte Bilder aus Archiven meiner Familie oder anderer Menschen werden Ausgangspunkte für neue Inszenierungen. Ich nehme selbst Rollen ein, rekonstruiere Situationen oder erweitere sie durch neue Elemente. So entsteht eine Art Zeitspiegel: Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft überlagern sich.

Ich möchte zeigen, dass diese Geschichten nicht abgeschlossen sind, sondern bis in unsere heutige Realität hineinwirken. Dabei geht es nicht um Nostalgie, sondern um Konfrontation mit Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Flucht und transgenerationalem Trauma.

Du arbeitest in vielen verschiedenen Medien. Wie entscheidest du, welches Medium
zu welcher Arbeit gehört?

Für mich beginnt eine Arbeit meist mit einer Frage, einer Geschichte oder einem Impuls – nicht mit einem Medium. Erst im Prozess wird klar, welche Form diese Idee am besten tragen kann. Manche Themen verlangen nach physischer Präsenz, dann arbeite ich eher mit Skulptur oder Installation. Andere Momente sind erzählerisch oder zeitlich, dann entstehen Videoarbeiten oder fotografische Serien. Malerei erlaubt mir wiederum eine sehr persönliche und intuitive Annäherung an bestimmte Gefühle oder Erinnerungen. Ich versuche, mich nicht auf ein Medium festzulegen. Jedes Material oder Format hat eine eigene Sprache. Meine Aufgabe ist es, zuzuhören und herauszufinden, welche Form der jeweiligen Idee am besten gerecht wird.

Gibt es in deiner Arbeit theatrale Elemente?

Ja, auf eine gewisse Weise schon. Viele meiner Arbeiten arbeiten mit Inszenierung, mit Rollenübernahme oder mit der bewussten Rekonstruktion von Situationen. Wenn ich beispielsweise alte Fotografien nachstelle, übernehme ich oft selbst die Rolle der Person im Bild. Dieser Moment hat etwas Performatives. Ich bewege mich zwischen Dokumentation, Erinnerung und stiller Performance. Auch Kulissen, Körperhaltungen und Kleidung werden zu Mitteln, um Geschichten neu zu erzählen oder Fragen an die Vergangenheit zu stellen. In diesem Sinne gibt es theatrale Aspekte – oft in ruhiger, konzentrierter Form.

Was interessiert dich an der Zusammenarbeit mit einem Theater?

Mich interessiert besonders der kollektive Charakter von Theater. Viele meiner Arbeiten entstehen bereits aus Dialogen und Begegnungen mit anderen Menschen. Theater ist ein Ort, an dem genau solche Prozesse sichtbar werden können. Theater arbeitet stark mit Körper, Raum und Zeit – Elemente, die auch in meinen fotografischen und performativen Arbeiten eine Rolle spielen. Ich finde die Idee spannend, persönliche Geschichten oder Erinnerungen in einen gemeinsamen Raum zu bringen, in dem Publikum und Künstler*innen sie gleichzeitig erleben. Ein Theater kann so zu einem Ort werden, an dem individuelle Erfahrungen mit größeren gesellschaftlichen Fragen verbunden werden.

Was wünscht du dir für die Zukunft? Wovon träumst du?

Meine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht, weil die Vergangenheit und sogar die Zukunft oft versucht wird von äußeren Mächten umgeschrieben oder bestimmt zu werden. Ich sehe Kunst – so wie ich sie jetzt praktiziere – als eines der Medien, um die eigene Stimme zurückzugewinnen, die einem oft genommen wird. In meiner Arbeit ist das Träumen selbst ein Akt des Widerstands. Das Träumen und Hoffen in Form von Kunst kann ein Wiedersehen sein – ein Wiedersehen mit der eigenen Geschichte, mit Möglichkeiten, die sonst übersehen werden, und mit einer Zukunft und Vergangenheit, die wir uns vorstellen und formen können, fast schon als wäre sie echt. Auf diese Weise wirken meine Wünsche für die Zukunft in meiner Praxis, in den Begegnungen und der künstlerischen Arbeit weiter: Kunst wird zum Mittel, um Erinnerung, Vision und Stimme miteinander zu verbinden.